Bereits am 01.03.2010 erschien in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung ein aus dem Englischen übersetzter Artikel mit dem Titel: “Die Zukunft des Internets“, verfasst von David Gelernter, Professor für Informatik in Yale. Gegliedert in 19 Thesen, beschreibt Gelernter, wo die Probleme des gegenwärtigen Netzes liegen, wie sich das Internet der Zukunft entwickeln könnte und welche Schritte bereits in diese Richtung gemacht wurden. Einige von Gelernters Thesen faszinierte mich mehr, andere weniger. Aber zwei sehr unterschiedliche Thesen fielen mir besonders ins Auge, weshalb ich meine Gedanken dazu hier kurz veröffentlichen möchte. Wer alle 19 Thesen lesen möchte kann dies auf FAZ online tun.

6. Informationsflut
Bekanntlich führt das Internet zu einer „Informationsflut“, die ein Problem mit zwei Aspekten ist: Einer zunehmenden Zahl von Quellen steht ein zunehmender Informationsfluss pro Quelle gegenüber. Der erste Aspekt ist der schwierigere: Es bereitet mehr Mühe, fünf Leuten zuzuhören, die gleichzeitig in normalem Tempo sprechen, als einer Person, die schnell spricht – besonders, wenn man diese Person um eine Pause oder eine Wiederholung bitten kann. (Und es ist anstrengender, die Lexington Avenue in New York entlangzufahren, wo der Verkehr um Hindernisse brandet und man von allen Seiten überholt wird, als in derselben Verkehrsdichte auf einer gewöhnlichen zweispurigen Autobahn.)“


Die Überflutung mit ähnlichen Informationen

Persönlich finde ich die Metapher des Autofahrens besonders treffend für Teile der Suchmaschinenoptimierung. Viele SEOs nutzen wiederum zahlreiche unterschiedliche Kanäle um „auf dem neusten Stand“ zu bleiben. Doch man sollte sich dabei fragen, wie hilfreich es beispielsweise ist, immer und immer wieder Artikel in unterschiedlichen Blogs oder auf Webseiten darüber zu lesen, wie richtiges Linkbuilding gemacht wird, in welchen verschiedenen Formen Linkbuilding betrieben werden kann oder welche Ausprägungen das Linkbuilding haben kann, um am Ende vieler Beiträge das Gefühl zu haben, alle Inhalte schon hunderte Male gelesen zu haben. Wie Linkbuilding wirklich gemacht wird, wird aber in keinem der Beiträge erwähnt. Es ist bloß ein immer häufigeres Kratzen von unterschiedlicher Seite an der selben Oberfläche. Vielleicht deshalb unternommen, um nach außen hin zu zeigen:“Ja, ich beschäftige mich mit Linkbuilding, ich kenne mich da aus.“ Doch der Mehrwert für den Leser tendiert dann immer häufiger gegen Null, weil er bereits hunderte Male gelesen hat, dass ein Linkbait eine Möglichkeit ist, Links zu generieren, er aber immer noch nicht weiß, wie sich ein Linkbait wirklich gestaltet und ausgeführt wird.
Natürlich gibt es, um beim Beispiel zu bleiben, unterschiedliche Meinungen darüber, wie gute Links aufgebaut werden, wie organisches Linkwachstum aussehen muss.  Die Publizierung dieser unterschiedlichen Meinungen möchte ich keineswegs als unwichtig abtun – doch wäre es nicht sinnvoller einen gut geschriebenen, auf Testergebnissen beruhenden Artikeln über einen Linkbait zu lesen, als hundert, die letztlich wenig bis nichts aussagen? Dann hat mich meine Recherche mit dem Ergebnis wertloser Erkenntnisse nur Zeit gekostet, die ich wesentlich sinnvoller hätte nutzen können.

Da sie mich sehr fasziniert hat, möchte ich eine zweite These David Gelernters kommentieren, die so sie umgesetzt würde, das Problem des vorangegangenen Punktes auflösen, aber in ihrer Bedeutung deutlich weiter gehen würde.

12. Der eigene Lebensstrom, der sich von allen anderen unterscheidet
In Zukunft werden nahezu alle beweglichen, fließenden, sich verändernden Informationen im Internet in Form von Lifestreams dargestellt. Wir werden alle Ströme, die uns interessieren, wie Blumen zu einem Blumenstrauß zusammenstellen können. Ströme auszuwählen und zu vereinigen wird eine neue Basisfunktion der Benutzeroberfläche und des Betriebssystems, die das Internet bekommen wird. Ströme, die Nachrichten aus aller Welt bringen oder Neuigkeiten von unseren Freunden, Ströme, die über Preise oder Auktionen oder neue Erkenntnisse auf egal welchem Gebiet informieren, über den Verkehr, das Wetter, die Märkte – was auch immer einen interessiert, wird man auswählen und zu einem Strom vereinigen können. Dies ergänzt man um seine persönlichen Informationen: E-Mails, Dokumente und so weiter. Das Ergebnis ist der eigene Lebensstrom, der sich von allen anderen unterscheidet, ein schneller, sauberer Fluss aus all den Informationen, an denen uns gelegen ist.
Man kann einen Knopf drehen und seinen Lifestream verlangsamen: Weniger wichtige Elemente des Stroms fließen nun unsichtbar weiter und lenken nicht mehr ab, stehen aber jederzeit wieder zur Verfügung, wenn man sie aufruft oder nach ihnen sucht. Man kann seinen Lifestream jederzeit „zurückspulen“ und die Vergangenheit noch einmal betrachten. Fließen Dokumente oder Nachrichten vorbei, die wichtig aussehen, für die man aber gerade keine Zeit hat, so kopiert man sie einfach in die Zukunft, zum Beispiel auf „heute Abend um zehn“, und dann kommen sie wieder vorbei. Mit einem weiteren Knopf können wir unseren schnell fließenden Strom in mehrere langsame aufspalten, sofern unser Bildschirm groß genug ist, um sie alle im Auge zu behalten. Wir werden diese separaten Ströme aber immer wieder zu einem zusammenfügen können, wenn wir dies wollen.“


Hier wird impliziert, dass das Internet sich in seinen bisherigen Strukturen um ein Vielfaches wandeln wird. Die Struktur der statischen Seiten, wie wir sie bisher kennen, wird in der Zukunft nicht mehr vorhanden sein. Alle für den Nutzer wesentlichen Informationen werden in einem, seinem eigenen Lifestream über den Bildschirm laufen. Dieser Lifestream würde all das für uns sammeln, was wichtig für jeden einzelnen Nutzer ist. Dies würde natürlich auch bedeuten, dass die Präferenzen für jeden individuell festgelegt werden müssten: Wahrscheinlich geschieht das nicht aus subjektiver Sicht, sondern auch hier könnte eine „Maschine“ behilflich sein, um die Präferenzen objektiv festzulegen. Eine Kombination aus dem Standort, dem jetzigen Browserverlauf, dem Suchprotokoll und einer Art „Zielgruppe“, wie auch dem „Leben“ in Social Networks und dem Inhalt und der Aktivität des Emailpostfachs könnten diesen eigenen ersten Lifestream ausmachen. Doch wie könnte sich dann die Suche nach Informationen gestalten?


Wie verändert sich die Suche?

Ist der Lifestream fließend und das Internet ohne statische Seiten, funktioniert die Internetsuche wie wir sie bisher kennen nicht mehr. Eine neue Möglichkeit wäre eine Suchfunktion in unserem persönlichen Lifestream. Diese Suchfunktion durchforscht dann Datenbanken die exakt jene Informationen enthalten, die wir gerade brauchen. Wird die Information dann im Lifestream ausgeliefert und sie ist uns nicht aussagekräftig genug, gäbe es die Möglichkeit die bereits angeforderte Suchanfrage durch Parameter zu verfeinern. Auch dieser Suchvorgang hätte seine Auswirkungen auf unsere „objektive Präferenz“.
So spannend ich die Zukunftsvision von David Gelernter finde, so weit erscheint mir die tatsächliche Umsetzung. Da die Strukturen des Internets keinesfalls ausgereift und seine Möglichkeiten nicht einmal ansatzweise ausgereizt sind, wird es sich in den kommenden fünf Jahren wohl mindestens so rasant weiterentwickeln und verändern wie in den vergangenen zehn. Ob sich die Struktur jedoch so nachhaltig und anders entwickeln wird, bleibt abzuwarten. Falls ja würde das natürlich auch bedeuten, dass es Suchmaschinen in ihrer heutigen Form eben nicht mehr geben wird. Und was arbeite ich dann?
Lifestreamoptimierer: Das hört sich doch auch gut an. :-)